Beeinflussen Lichtprogramme die

Fruchtbarkeit der Rammler?

 

Ein Jahr lang wurden Rammler unter verschiedenen Lichtregimen gehalten. Meike Schüddemage, Prof. Dr. Steffen Hoy, Universität Gießen, und Klaus Lange, Hessische Landesanstalt für Tierzucht Neu-Ulrichstein, berichten über die Ergebnisse. In größeren Beständen der Kaninchenhaltung sind die künstliche Besamung und damit auch die Verdünnung und Konservierung des Spermas notwendige Voraussetzungen für ein intensives Reproduktionsmanagement. In unseren Untersuchungen sollte die Frage beantwortet werden, inwieweit sich verschiedene Lichtprogramme auf das Verhalten der Rammler beim Absamen, die Spermamenge und die Spermaqualität auswirken, um Empfehlungen zur Nutzung des Faktors "Licht" in der Wirtschaftskaninchenhaltung zuleiten.

  Das Untersuchungsprogramm

Für die Untersuchungen standen in der Hessischen Landesanstalt für Tierzucht Neu-Ulrichstein drei Stallabteile mit vergleichbaren klimatischen Bedingungen zur Verfügung. Über ein Jahr hinweg (von Januar bis Dezember 1998) wurden 39 Rammler (Weiße Neuseeländer Hybriden) unter drei verschiedenen Lichtprogrammen zeitlich parallel gehalten:

>Naturlicht (14 Tiere),

>Kunstlicht mit 8 Std. Licht pro Tag (13Tiere),

>Kunstlicht mit 16 Std. Licht pro Tag (12 Tiere).

Das Naturlichtregime war charakterisiert durch die natürliche Veränderung der Tageslichtlänge im Verlauf eines Jahres. Die Fensterfläche entsprach 1/20 der Bodenfläche. Die beiden Kunstlichtregime hatten eine Lichttaglänge von 8 bzw. 16 Std. Es waren 7,3 W/m2 installiert, was zu einer Lichtintensität von 60 Lux in beiden Kunstlichtställen führte. Alle Rammler befanden sich bis zum Beginn der Untersuchung unter dem Einfluss von Kunstlicht mit 14 Std. Licht. Vor Untersuchungsbeginn wurden alle Rammler an Phantom und künstliche Vagina gewöhnt. Die Verteilung der Rammler auf die verschiedenen Lichtprogramme erfolgte paritätisch nach Lebendmasse. Die Mere wurden einzeln in Flatdeck-Käfigen (50cmx 60cmx45cm) gehalten, rationiert mit pelletiertem Alleinfuttermittel für Kaninchen gefüttert und hatten 5 bis 6 Std. pro Tag Zugang zum Futter. Die Spermagewinnung erfolgte im 14-tägigen Abstand mit Hilfe eines Phantoms und einer auf 45°C vorgewärmten künstlichen Vagina. Die Sprungfreudigkeit wurde nach einem bestimmten Schema beurteilt.

Die Bewertungskriterien waren: spontane Annahme des Phantoms und der künstlichen Vagina ohne Zusetzen einer Häsin, Deckakt nur nach Zusetzen einer Häsin möglich und  kein Deckakt auslösbar.

Für jedes gewonnene Ejakulat wurden Spermavolumen, Farbe und Konsistenz, Massenbewegung und Vorwärtsbeweglichkeit der Spermien, die Anzahl der Spermien pro ml und pro Ejakulat und der Anteil morphologisch veränderter Spermien ermittelt. Unmittelbar nach der Absamung wurde das Volumen der Spermaprobe über graduierte Reagenzgläschen ermittelt und die Spermafarbe nach einem Schema klassifiziert (elfenbeinfarben, undurchsichtig, durchsichtig, gelblich). Ejakulate mit Urinbeimengung durften nicht in die weiteren Untersuchungen eingehen. Die Konsistenz des Spermas wurde in vier graduelle Gruppen eingeteilt (siehe Legende Tabelle 1). Um die Massenbewegung und die Vorwärtsbeweglichkeit der Spermien bestimmen zu können, musste das Sperma auf 37°C vorgewärmte Objektträger aufgetragen und bei 400facher Vergrößerung beurteilt werden, wobei die Einstufung der Massenbewegung nach einem Schema von 0 bis 5 nach Weitze und Müller (1991) erfolgte. Die Anzahl der Spermien pro ml und pro Ejakulat wurde mit Hilfe der Zählkammer nach Thoma bestimmt und zur Auszählung der morphologisch veränderten Spermien Ausstriche angefertigt. Als Farbstoffe kamen Anilin-Blau und Kristallviolett zum Einsatz. Die Auszählung umfasste 200 Spermien je Ausstrich bei 1000facher Vergrößerung, woraus der Anteil der morphologisch veränderten Spermien nach Brettschneider (1948) ermittelt wurde. Die Auswertung der Ergebnisse erfolgte mit Hilfe des Statistikprogramms SPSS für Windows in folgenden Schritten:

Berechnung von statistischen Maßzahlen für das Gesamtmaterial und nach Sortierschritten für Teilstichproben,

Ø Mittelwertvergleiche mit dem multiplen Test nach Student - Newman - Keuls und

Ø Häufigkeitsvergleiche mit dem Chi-Quadrat-Unabhängigkeitstest. 

 

 

Beste Phontomannahme unter Naturlicht

Zwischen den Lichtregimen traten deutliche Differenzen in der Annahme des Phantoms zum Absamen auf. Die Rammler unter dem Einfluss des Naturlichtes zeichneten sich durch die größte Sprungfreudigkeit aus. Das spontane Absamen mit Phantom ohne Zusetzen einer Häsin war in 20 % der Fälle möglich. Nur bei 2 der Absamversuche unter Naturlicht ließ sich kein Deckakt auslösen. Ähnliche Ergebnisse waren bei einem Kunstlichtprogramm mit kurzem Lichttag (8 Std.) nachweisbar. In 15 % der Fälle konnten die Rammler ohne Zusetzen einer Häsin abgesamt werden. In 5 % der Absamversuche wurde der Deckakt verweigert.

Die schlechtesten Ergebnisse traten bei einem Langlichttag auf. Bei 16 Std. Kunstlicht war in nur 8 % der Fälle eine spontane Spermagewinnung (ohne Anwesenheit einer Häsin) möglich und in 2 % aller Versuche konnte kein Sperma gewonnen werden

Spermaqualität bei kurzem Kunstlichttag am besten

Diejenigen Rammler, die unter einem Kunstlichtprogramm mit 8 Std. Licht über ein Jahr hinweg gehalten worden waren, besaßen die beste Spermaqualität,  gemessen an den Parametern Farbe, Konsistenz, Massenbewegung und Vorwärtsbeweglichkeit (Tabelle 1). Lediglich bei der Häufigkeit morphologisch veränderter Spermien trat bei den Tieren unter einem 16-stündigen Kunstlichtregime der niedrigste Wert (10,6 % ) auf. Bei den männlichen Tieren unter 8 Std. Kunstlicht war der Anteil veränderter Spermien um 0,9 % höher als bei den Vergleichstieren unter einem langen Kunstlichttag (16 Std.) und nur um 0,3 % größer im Vergleich zu den Naturlichttieren. Gegenüber den anderen Parametern der Spermabeschaffenheit scheint diese Differenz nicht so bedeutsam zu sein. Auch die Spermaqualitätsmerkmale Volumen, Dichte und Anzahl der Spermien pro Ejakulat wurden statistisch gesichert durch das Lichtregime beeinflusst. Die Rammler unter Kunstlicht hatten eine höhere Dichte, ein größeres Volumen und eine deutlich höhere Gesamtzahl an Spermien pro Ejakulat als die unter Naturlicht gehaltenen Rammler. Bei der Gegenüberstellung der beiden Kunstlichtprogramme zeigte sich ein Vorteil des kurzen Lichttages mit 8 Std. Dauer pro Tag. In allen drei Spermabeschaffenheitsparametern erwiesen sich die Kaninchenböcke unter einem achtstündigen Kunstlichtprogramm den Vergleichstieren mit 16 Std. täglicher Kunstlichtbeleuchtung überlegen (Tabelle 2). Die Sprungfreudigkeit der Rammler ist unter einer Kunstbeleuchtung von 8 Std. Dauer fast so gut wie unter natürlichen Lichtverhältnissen.

Kaninchen sind dämmerungs- und nachtaktive Tiere. Eine lange Dunkelphase scheint somit günstig die spermatologischen Parameter der Rammler zu beeinflussen, auch wenn unter natürlichen Beleuchtungsverhältnissen bei Wildkaninchen im zeitigen Frühjahr die Fortpflanzungssaison beginnt. Die ständige Unterbringung unter einem gleichförmigen Lichtprogramm stimuliert offensichtlich die Qualität des Samens. Auch die Sprungfreudigkeit erwies sich unter einem derartigen Lichtregime nur wenig schlechter als unter Naturlicht. Es kann angenommen werden, dass sich aus der verbesserten Spermaqualität auch ein positiver Effekt hinsichtlich der Besamungsergebnisse ableiten lässt. Dies war allerdings nicht Gegenstand der Untersuchungen und wurde nicht überprüft.
Wer in der Wirtschaftskaninchenzucht ohnehin einen fensterlosen Stall nutzt, kann durch ein Kunstlichtprogramm mit einer Lichttaglänge von 8 Std. und einer Beleuchtungsstärke von 60 W (Installationswert: 7,3W/ m2) einen günstigen Einfluss auf die Spermaqualität der gehaltenen Rammler erzielen.
Die Ergebnisse der eigenen Untersuchungen gehen nicht konform mit französischen Resultaten (Theau-Clement et a1.,1995), wonach Kaninchenböcke unter dem Einfluss einer Lichttaglänge von 16 Std. den Tieren aus einem achtstündigen Kunstlichtprogramm in den Spermaqualitätsmerkmalen überlegen waren. Die quantitativen Spermaparameter waren allerdings nur im ersten Drittel der Untersuchungszeit bei den Tieren mit 16 Std. täglicher Beleuchtung besser, ab der 15. Woche zeigten die Rammler unter achtstündiger Lichttaglänge die besseren Resultate. Die genannten französischen Untersuchungen, erstreckten sich nur über ein halbes Jahr. Somit war der Untersuchungszeitraum - angesichts der Jahresrhythmik des Fortpflanzungsgeschehens - wahrscheinlich zu kurz, um Aussagen über ein geeignetes Lichtregime für Rammler zu entwickeln. Die Ergebnisse von Theau-Clement und anderen (1995) zur Sprungfreudigkeit der Rammler konnten von uns bestätigt werden - eine hohe Sprungfreudigkeit trat unter einem Kunstlichtregime mit 8 Std. Dauer auf.
Fazit

Rammler, die unter einem Kunstlichtregime mit kurzem Lichttag (8 Std.) gehalten werden, besitzen in nahezu allen spermatologischen Parametern die statistisch gesichert besten Ergebnisse. Die Sprungfreudigkeit der Kaninchenböcke ist unter diesen Bedingungen nur geringfügig schlechter als unter natürlichen Lichtverhältnissen. Für Ställe ohne Fenster ist somit ein Kunstlichtprogramm mit 8 Std. Länge pro Tag und geringer Beleuchtungsstärke (60W bei Ein-Ebenen-Messung: Messung "nach oben") zu empfehlen.

 

Quelle: DGS MAGAZIN Woche 9/2000